UNSICHTBARER KRIEG:
"Mit Morden an Russen und 'Blue Ice' von OCP hat
die La Cosa Nostra die Unterweltkoalition erreicht"

Ex-Capo Valerio Simeoni enthüllt exklusiv in RUNNER'S RESORT eine mysteriöse Mordserie, die Drogenlabors eines Megakonzerns und die wahren Gründe des Bündnisses von Italienern, Koyoten und Russen

(hc) Mehrere tote Russen (RUNNERS RESORT berichtete), eine hochpotente Droge (RUNNER'S RESORT berichtete) und die überraschende Unterweltkoalition (RUNNER'S RESORT berichtete) bestimmten vor Jahren maßgeblich den weiteren Gang der Geschichte im Osnabrücker Plex: Sowohl der Unterweltkrieg (RUNNER'S RESORT berichtete) als auch der Gangster-Friedensrat (RUNNER'S RESORT berichtete) und das Fanal der Belmsker Räumung (RUNNER'S RESORT berichtete) waren direkte Folgen. Wer seinerzeit die Russen aus welchem Grund ermordete, woher das Blue Ice stammte und was die Hintergründe des italienisch-russischen Agreements waren - das blieb im Dunkel. Valerio Simeoni, ein ehemaliger Soldat und Capo der Cosa Nostra, bricht jetzt exklusiv in RUNNER'S RESORT sein Schweigen und offenbart der Öffentlichkeit einen unsichtbaren Krieg, den die italienische Mafia mithilfe von Konzerndrogen, Koyoten und einer erzwungenen Koalition führte, um in Osnabrück die Macht an sich zu reißen.

RUNNER'S RESORT: Valerio, dein Name tauchte damals im Zusammenhang mit einem russisch-italienischen Gipfeltreffen am Pinkelberg auf, genauer gesagt warst du der Gastgeber des Geburtsorts der Osnabrücker Unterweltkoalition.

Valerio Simeoni: Das ist richtig. Diese zweifelhafte Ehre führte dazu, daß ich vom Fußsoldaten zum Capo aufstieg. Und natürlich wurde ich Augen- und Ohrenzeuge der Verhandlungen zwischen Pjotr Putin und Travis Bonnano, die im Prinzip das Ende unseres unsichtbaren Krieges markierten.

Eine perfekte Karriere für einen Gangster. Warum steigt so ein Muster-Mafioso wie du ohne Not aus diesem florierenden Geschäft aus und offenbart sich? Was macht deine Aussagen glaubwürdig?

Das eine bedingt bei mir das andere. Ich bin unheilbar krank, mein Arzt gibt mir höchstens noch ein halbes Jahr. Vor meinem Tod wollte ich als guter Katholik natürlich alle meine Sünden beichten und Vergebung erlangen. Aber mein Beichtvater ist ein ziemlich unkonventioneller Querkopf, einer von diesen Befreiungstheologen. Ich mag ihn und er ist auch nicht so weltfremd, von mir zu verlangen, daß ich mich etwa den Behörden zu stellen habe. Aber er machte es mir zur Auflage, daß ich meine Sünden nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen zu bekennen habe. Ich habe in dieser Welt nichts mehr zu verlieren oder zu gewinnen und Gott ist mein Zeuge.

Das muß man wohl gelten lassen...

Außerdem verfüge ich über Wissen, das, wie es die Sicherheitskonzerne immer ausdrücken, nur der oder die Täter haben können.

Und das sich auch verifizieren läßt?

Selbstverständlich. Meines Wissens hat Vizedirektor Johann Hirken zum Beispiel die Russenmorde untersucht. In den Akten dürften die entsprechenden unveröffentlichten Details zu finden sein.

Mit Gott und den Fakten dürften dann wohl tatsächlich keine Zweifel an deiner Glaubwürdigkeit aufkommen. Kommen wir doch gleich zum Punkt: Du hast einen unsichtbaren Krieg angedeutet, den die Cosa Nostra in Osnabrück geführt hat und dessen Ende die mittlerweile brüchige Osnabrücker Unterweltkoalition bildete.

Ja, ganz genau so war es. Mit Morden an Russen und 'Blue Ice' von OCP hat die La Cosa Nostra die Unterweltkoalition erreicht.

Die Cosa Nostra steckt hinter diesen ungeklärten Morden und die Osnabrücker Droge stammt gar nicht von den Koyoten, sondern aus den Labors von Omni Consumer Products?

So ist es. Für die Hintergründe muß ich aber ein wenig weiter ausholen: Anfang 2098 beschloß der Zweig der Gambino-Familie in Osnabrück, die russische Hegemonie auf der Straße zu brechen. Da die Macht der Russen für eine direkte Konfrontation aber viel zu groß war, entwickelte Bonnanos Consigliere, Florentino Gambino, einen Plan: Mit "schwarzer Propaganda", also destabilisierenden Anschlägen unsererseits, die den Russen interne Konkurrenz und massive Auseinandersetzungen vorzutäuschen hatte, sollte der Gegner "weichgeklopft" und soweit geschwächt werden, daß er für ein natürlich von uns geführtes Bündnis empfänglich sein würde. Gleichzeitig sollte den Russen ihre wichtigste Einkommensquelle, der Drogenhandel, entzogen werden, um zusätzlich zur personellen Spannung auch eine materielle Schwächung herbeizuführen. Für die Anschläge bedienten wir uns verschiedener Runner, als Strohmänner für die Übernahme des Drogenhandels fiel die Wahl auf die Koyoten. Alles mußte ja verdeckt laufen, wir durften nicht als Urheber erkennbar sein. Die Koyoten waren deswegen so ideal, weil sie ja im Konflikt mit den Ostratten standen, die wiederum mit den Russen verbündet waren. So konnte anfangs ein völlig unverdächtiger Stellvertreterkrieg geführt werden.

Und was hat es mit dem Blue Ice von OCP auf sich?

Nun, OCP ist mit der Cosa Nostra traditionell eng verbunden: Geldwäsche, Schattenoperationen usw. Einige OCP-Execs sind ja sogar Mafiosi, wie z.B. Bonnano. Für ihn war es mit seinem Einfluß beim Forschungs- und Entwicklungszentrum in Osnabrück eine leichte Übung, diese hochpotente Droge unauffällig in Auftrag zu geben. Wir lieferten den Koyoten einen konzentrierten Grundstoff, den sie weiter verarbeiteten und dann als 'Blue Ice' auf den Markt warfen, ihn überschwemmten und schließlich planmäßig übernahmen. Da der Stoff hochprofessionell hergestellt war, konnte die Formel nur schwer entschlüsselt werden, so daß wir weiterhin die absolute Kontrolle hatten und die Koyoten völlig von uns abhängig waren.

Die Koyoten wußten aber von wem der Stoff kam?

Nur die Führungsspitze, also Hendrik "Spider" Wagemann bzw. nach dessen Tod dann Franziska "Wheazle" Wieselmann und ihre jeweils engsten Vertrauten. Allgemein war es innerhalb der Gang definitv nicht bekannt. Lief alles streng geheim zwischen der Führung und uns, als Kuriere für den Grundstoff wurden Runner verwendet.

So kam es also zur Italiener-Koyoten-Connection. Wie tief steckte OCP da mit drin?

Die Drogenproduktion war innerhalb der Exec-Ebene ein offenes Geheimnis. Es flossen wie üblich ein paar Schmiergelder und die Sache war erledigt. Da interessierte es auch niemanden mehr, daß die Herstellung komplett mit OCP-Geldern bezahlt wurde. Wir produzierten also quasi zum Nulltarif. Läßt sich auch alles in den Büchern nachvollziehen, wenn man weiß wonach man suchen muß.

OCP produzierte also wissentlich und gratis den Stoff, aus dem der unsichtbare Krieg der Cosa Nostra bestand - das ist ein unglaublicher Skandal. Die Formel für Blue Ice wurde dann doch aber irgendwann entschlüsselt, oder? Es tauchten ja verschiedene Versionen in anderen Plexen auf, z.B. in Bremen.

Ja, das muß wohl passiert sein, denn wir hatten damit nichts zu tun. Waren aber alles lediglich minderwertige Kopien, der Stoff in Bremen hatte sogar direkt tödliche Nebenwirkungen.

Wie weit warst du persönlich in diesen unsichtbaren Krieg involviert? Welche Kenntnisse hast du über weitere Details?

Ich war 2098 einfacher Soldat und mit dem 'Blue Ice'-Komplex nur am Rande beschäftigt: Security, Säuberungen usw. Aber zu den Russenmorden kann ich einige interessante Hintergründe liefern. Da steckte ich nämlich sehr viel tiefer mit drin.

Schieß los!

Der erste Mord war ja der an Iwan Yeltsin, dem damaligen Russenpaten von Belm-Schinkel. Weil es die "Premiere" war, wurde die Operation noch von Florentino Gambino persönlich geleitet und ich war einer der zwei ihm zugeteilten Soldaten. Es lief damals so ab: Wir hatten einen dieser Russen korrumpiert - Oleg Lukaschenko, einen Schieber, der im ganzen Plex für seinen furchtbar häßlichen orangebraunen Ledermantel bekannt war. Er war dafür da, die Spur in Richtung der Russen selbst zu lenken. Gambino heuerte drei Attentäter an - ihre Namen waren Nuke, Void und Uzi. Ja, die Uzi. Alon, Eichbaum oder wie sie gerade heißt. Wir ließen den dreien über Lukaschenko Hardware aus russischer Produktion zukommen und sie erledigten ihren Auftrag. Allerdings überlebten nur Void und Uzi. Wir hinterließen bei der Sichtec einen anonymen Hinweis auf die beiden und wie erwartet nahm sich Putins Kettenhund Hirken der Sache persönlich an, um unsere gefälschten Hinweise auf russische Auftraggeber zu finden. Dabei hat er es wohl geschafft, Uzi umzudrehen. Der Rest dieser Geschichte ist bekannt. Einen Tag nach dem Attentat beseitigte ich Lukaschenko, um alle unsere Spuren zuverlässig zu verwischen. Ich tötete ihn mit einer Beretta Civilgun 750-B, zwei Schüsse in die Brust und einer in den Kopf. Die Waffe muß irgendwo im Kanal auf der Höhe der Giftmülldeponie vor sich hinrosten.

Die berüchtigte Sichtec-Agentin Uzi Alon/Eichbaum ist also gewissermaßen ein Kollateralschaden des ersten Schlages in diesem geheimen Krieg - eine echte Ironie der Geschichte. Wie verhält es sich mit den Morden an Schewardnadse und Lebedew sowie dem Weihnachtsmassaker?

Das waren wir natürlich auch. Schwardnadse und Lebedew wurden wieder von Runnern erledigt, deren Namen ich aber nicht mehr weiß. Der Sprengstoff für die Autobombe stammte aus einem Überfall auf ein russisches Militärdepot in Smolensk vom August 2098, Lebedew dürfte mit Waffen des Typs HK UMP-94 erschossen worden sein, die wir auch aus russischen Quellen besorgt hatten. Das Weihnachtsmassaker führten die Koyoten auf unsere Anweisung hin durch - es war wohl der entscheidende Schlag für die Übernahme des Drogenhandels und drängte die Russen endgültig aus diesem Geschäft.

Gab es noch weitere Operationen?

Zu dieser Zeit nicht mehr, nein. Wir hatten ja erreicht was wir wollten: Die Russen waren mit sich selbst beschäftigt und suchten nach Verrätern in ihren Reihen und den Drogenhandel übernahmen die Koyoten. Wir hielten uns zurück und ließen die Zeit für uns arbeiten. Kurz vor unserem Ziel gab es da allerdings noch etwas...

Nämlich?

Nun, wir hatten 2101 gehört, daß sich der von den Ostpreußen gesuchte Kriegsverbrecher Viktor Majakowskoje in Osnabrück versteckte. Er galt als hochrangiges, aber wenig loyales Mitglied der Russenmafia. Da er erpreßbar erschien, wollten wir ihn uns greifen und umdrehen, sozusagen "unseren Mann" im Innern bekommen. Leider kamen uns die Ostpreußen zuvor und es folgte der Shootout im Ostbunker. Ich war derjenige, der ein paar unserer Leute mit einer Verstärkung aus professionellen Söldnern schickte, um Majakowskoje zu befreien und natürlich sämtliche Zeugen beseitigen zu lassen. Rückblickend betrachtet bin ich heilfroh, daß wir nicht erfolgreich waren.

Das lüftet tatsächlich ein weiteres Geheimnis der Osnabrücker Plexgeschichte. Magst du noch mehr davon aufklären?

Wenn ich könnte, dann würde ich es selbstverständlich tun. Aber einen Tag nach dem Ostbunker-Angriff hatte ich einen Deal mit einem gewissen Stephan "Styx" Tyxen vereinbart, der für mich und einen Freund ein paar Male den Bodyguard gespielt hatte. Es war eine Falle und ich mußte fliehen. Danach überschlugen sich die Ereignisse: Sergej Dragow spaltete sich von der Russenmafia ab, wir offenbarten unsere Verbindung zu den Koyoten und der Unterweltkrieg brach aus.

Und kurz darauf wurde in deinem Haus die Unterweltkoalition geschlossen.

Ja, ich war dabei und durfte Putin und Bonnano die Getränke servieren - während unsere Leute und Hirkens Sichtec-Trupp das Treffen absicherten. War eine bizarre Szenerie.

Wie lief dieses russisch-italienische Gipfeltreffen ab?

Es war eher frostig und keinesfalls so herzlich wie es von außerhalb gerne dargestellt wurde. Nein, eine "Liebeshochzeit" war es nicht, Putin stand mit dem Rücken zur Wand: Wir, die Koyoten sowie die junge Dragow-Familie standen gegen ihn. Er mußte sich entscheiden und wählte natürlich uns. Wir hatten den unsichtbaren Krieg gewonnen. Und Bonnano machte mich zum Capo.

Was geschah danach?

Ich übernahm neue Aufgaben, hatte mit der Unterweltkoalition nur noch wenig zu tun und ging in Ruhe meinen Geschäften nach. Damals in 2098 war ich nämlich nicht ganz freiwillig nach Osnabrück gekommen und mußte noch etwas wiedergutmachen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Weißt du etwas über die Todesumstände von Sergej Dragow?

Nein, leider nicht. Ich gehe aber auch davon aus, daß er am Tag nach seiner Entführung von uns ermordet wurde.

Glaubst du, daß es jetzt nach dieser Enthüllung zu einem neuen Unterweltkrieg kommen könnte? Werden die Russen Rache nehmen wollen?

Nein, das glaube ich nicht. Die Pfründe sind verteilt, jeder hat sein Auskommen und einfach zuviel zu verlieren. Es wird sicherlich kühler werden und vielleicht kleinere Auseinandersetzungen geben, aber die Zeiten der Unterweltkriege sind vorbei. Es sei denn, neue Interessenten drängen auf den Markt. Mit der ohnehin schon brüchigen Unterweltkoalition wird es aber ganz bestimmt vorbei sein.

Valerio, meinen Respekt und Dank für dieses Interview. Ich wünsche dir, daß du deinen Frieden findest.

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